Am 02.06.07 diskutierte die intellektuelle Spiegel-Leser-Elite in ihrem Onlineforum, wie man denn mit gewaltbereiten Demonstranten verfahren sollte. Was ich eigentlich hätte wissen müssen: Die Konversation sollte bunte Blüten treiben…

Zu Beginn wurde von etwas moderateren und nicht ganz so radikal formulierenden Kräften gefordert, die Straftäter mit aller Härte des Gesetzes zu bestrafen – was immer das auch heißen mag. Und bitte nicht nur eine Handvoll von diesen Krawallbrüdern. Freikommen sollen die dann aber auch nicht gleich. Sondern so viele dieser Bösewichte so lange wie möglich wegsperren. Richtig! Warum man das sollte? Der staatstreue Spiegel-Leser gibt gleich ein paar Straftatbestände zum besten. Wahrscheinlich bemerkt er schon beim Schreiben, wofür die Justiz noch lange brauchen wird – nämlich das vielleicht doch eine Geldstrafe angemessener wäre, um Ordnungwidrigkeiten zu ahnden. Doch gleich darauf bezweifelt er auch diesen Vorschlag, denn wie jeder aufgeweckte Spiegel-Leser weiß, der Schwarze Block besteht ja nur aus Schmarotzern… und bei solchen ist bekanntlich nichts zu holen.

Der nächste ambitionierte Schreiberling lobt gleich darauf das Polizeiaufgebot, „das keineswegs übertrieben war“.

Für den darauf folgenden Spiegelfuchs besteht letztendlich gar kein Unterschied mehr zwischen gewöhnlichen Kriminellen und gewaltbereiten Demonstranten, denn die verstecken sich ja alle hinter „großspurigen, globalisierungkritischen Hohlphrasen“.  Und überhaupt, fragt er, warum sollten linke Randalierer überhaupt unter Naturschutz stehen? Man weiß es nicht genau, tun sie das denn? Vielleicht sollte der Herr – so kognitiv beeinträchtigt er auch sein mag – einfach mal nicht nur Fernseher, Bildzeitung und Spiegel sein Fenster zur Welt sein lassen, sondern vor die Tür gehen und die Augen aufmachen… die Realität wird ihn erschrecken! Und auch er gibt sein gefährliches Halbwissen preis, das er in seinem abgebrochenen Jurastudium erworben hat, ein Bisschen Paragraphen raushauen macht schließlich auch Spaß und dass wir die üblichen Verdächtigen (Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch) das letzte mal lesen durften ist auch schon wieder ganze 48 Sekunden her – Danke. Weil Ordnung nun einmal sein muss, geht er aber sogar noch einen Schritt weiter: „Höchststrafe: HarzIV streichen!“ Ein super Vorschlag. Denn aus dem ersten Kommentar hat er gelernt: Alles Schmarotzer! Richtig:)

Und weil Menschen, die eher schlicht gestrickt sind auch schlicht kommunizieren, schreibt der nächste Kommentator nur: „Niederknüppeln!!!“ (Wobei ich die Ausrufezeichen nicht annähernd so inflationär benutze wie er) Ja, in der Tat – so jemand muss zwangsläufig cleverer sein als linke Demonstranten. Ob er die wohl eh ganz gerne jagt mit seinen fleischmützigen Freunden? Auch das weiß man nicht sicher…

Doch nicht genug. Schon wird Zero Telerance gefordert. Und die Ideen werden besser: „Solche Leute sollten auf eine kleine Insel verbannt und nie wieder runter gelassen werden.“ Sind halt Terroristen diese Demonstranten und als konformes und fleißig bückelndes Mitglied der Gesellschaft, das zum Lesen nicht mehr wirklich viel Zeit und Lust hat, leugnet man schließlich auch die Existenz von Staatsterror – denn die Polizei ist doch im Grunde genommen nur ein friedfertiger hilfsbereiter Wachtmeister, der für Ordnung sorgen möchte und muss. Staatsterror existiert nicht! Zumindest nicht in seinem Büro! Und im Wohnzimmer auch nicht!

Nachdem sich dann ein paar gemäßigtere Mitterechts-Wähler zu diesem Thema geäußert haben, freilich ohne wirklich etwas anderes zu sagen, da sie wohl auch ganz gerne das Fernsehen rezipieren: Böser schwarzer Block, Krieg auf den Straßen, hunderte Verletzte (Polizisten), Steinhagel, brennende Autos, arme Gutmenschen mit ihren ja ganz vernünftigen Ansichten, usw.

Klasse! Die Highlights sind aber wohl die beiden letzten Kameraden, die hier Erwähnung finden sollen. Nummer Eins fordert hartes Durchgreifen – das geht natürlich nur mit: Gummigeschossen!! Habe ich auch so von einem Polizeisprecher gehört. Es erfreut mein Herz, wenn Witze auf solch ernste Weise vorgetragen werden. Oder ist es die Realität, die einer gewissen Komik nicht entbehrt? Nummer zwei aber ist nicht nur Kamerad, sondern treuer NPD-Wähler. Er fordert Arbeitslager für gewaltbereite Demonstranten, gibt aber zu, dass wir wohl heute in anderen Zeiten leben. So ist das mit dem Kreuz der Zeit: Auch die schönsten Zeiten sind irgendwann mal vorbei, auch für Spiegel-Leser. Und das ist gut so!

Aber Fragen bleiben dennoch offen: Ist „gewaltbereit“, wie es im Aufmacher der Diskussion steht, wirklich schon ein Straftatbestand? Ist der Schwarze Block wirklich immer schwarz und die Polizei wirklich immer weiß? Erscheint mir die Welt manchmal völlig grundlos hässlich und grau?

Was mich am meisten interessiert ist aber wohl, wo verdammt ich diesen Ort finde, an dem Linke unter Naturschutz stehen. Und warum preschen die bei der Demonstration gelangweilten Fotografen und anderen Medienvertreter plötzlich aufgeschreckt los und können ihr Lächeln nicht verbergern, wenn der erste Stein fliegt? Nur um später von kriegerischen Straßenschlachten zu berichten, bebildert mit dem immer gleichen brennenden Auto oder Autonomen mit einem Einkaufswagen voller Steine. Die selben Bilder, nur andere Perspektiven. Hervorragend!

Fest steht wohl nur, dass es mehr gibt da draußen als nur schwarz und weiß. Aber wo ist die Farbe nur? Im Spiegel-Forum habe ich sie vermisst… naiv, ich weiß – aber ich kann halt nicht aus meiner Haut. Vielleicht sehe ich das auch alles zu kompliziert und die Spiegel-Leser wissen tatsächlich mehr… äh… NEIN. Farbe für alle – und zwar umsonst!

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